netconomica 2017
"Energie und Intelligente Vernetzung: Innovation und Regulierung" 

Unter dem Titel „Energie und Intelligente Vernetzung: Innovation und Regulierung " hat das Wissenschaftliches Institut für Infrastruktur und Kommunikationsdienste (WIK) am 18. Oktober 2017 im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn die jährlich stattfindende Konferenz netconomica ausgerichtet. Knapp 40 Teilnehmer aus Energie- und TK-Wirtschaft, Verbänden, Behörden, Beratung und Wissenschaft diskutierten über die aus der Digitalisierung des Energiesektors resultierenden Probleme und Herausforderungen an der Schnittstelle zwischen Energie- und Telekommunikation einerseits und reguliertem Netzbereich und marktlichem Bereich andererseits.

Frau Dr. Iris Henseler-Unger, Geschäftsführerin des WIK, warf in ihrer Begrüßungsrede bereits die wichtigsten Fragen und Handlungsfelder auf. Sie betonte, dass Informations- und Kommunikationstechnologien immer leistungsfähiger, aber auch immer günstiger würden. Dies ermögliche die jetzt zu beobachtende Digitalisierung der Energiewirtschaft auf unterschiedlichen Ebenen. Die Ebene der Verbraucher sei geprägt durch Anwendungen wie Smart Home, Intelligente Zähler, Elektromobilität, neue (individuelle) Produktangebote und Speichertechnologien. Auf Ebene der Energieversorgung entstünden neue Ideen wie Blockchain, regionale Marktplätze und predictive analytics und somit auch neue Produkte und Unternehmen. Auf Ebene der Netze sei die Entwicklung zu Smart Grids als Alternative zum konventionellen Netzausbau eines der herausragenden Themen.

Keynote: Die digitale Transformation der Energiewirtschaft

Herr Peter Franke, Vizepräsident der Bundesnetzagentur, verwies in seinem Keynote-Vortrag zunächst darauf, dass Digitalisierung kein neues Phänomen sei, sondern in der Energiewirtschaft Maschinen und Prozesse schon seit Jahren digital gesteuert würden. Neu seien jedoch die Quantität und die Qualität digitaler Prozesse durch die digitale Vernetzung von Personen, Maschinen und Ressourcen, die Automatisierung von Prozessen sowie stetig wachsende Datenmengen. Im Bereich des Netzbetriebs könne Digitalisierung als Antwort auf die hohe Komplexität der Netzsteuerung, insbesondere durch Zunahme dezentraler und volatil einspeisender Erzeugung verstanden werden. Digitalisierung diene hier der Optimierung von Prozessen insbesondere zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit, z.B. durch regelbare Ortsnetztransformatoren, Softwarelösungen, die Daten des Netzbetriebs erfassen und auswerten, Automatisierung der Netzsteuerung, Fernwartung von Netzkomponenten sowie auf Echtzeitdaten beruhende Netzplanungs- und Netzsimulationslösungen für bedarfsgerechteren Netzausbau. Einige Verteilnetzbetreiber würden also in Zukunft zunehmend Systemverantwortung übernehmen. 

Als Ziele einer Regulierung der digitalen Netzwirtschaft nannte Herr Franke, dass neuartige Wertschöpfung zugelassen werden müsse, Effizienzen und Kostensenkungspotentiale gehoben werden könnten, die Möglichkeit des Marktzutritts für Wettbewerber gewährleistet sei und es eine sachgerechte Rollenverteilung bei der Datennutzung gebe: Jeder Datenberechtigte solle die Daten erhalten, die er zur Erfüllung seiner Aufgaben benötige. Weiterhin müsse der Datenschutz gewährleistet sein. An der grundsätzlichen Monopolstellung der Verteilnetzbetreiber werde die Digitalisierung aber nichts ändern.

Anschließend fanden zwei Panel-Diskussionen statt. Das erste Panel befasste sich mit dem Thema „Innovationen". Hier wurden aus verschiedenen Perspektiven innovative Ansätze und Geschäftsmodelle diskutiert, die sich im Rahmen von Digitalisierung und Energiewende entwickeln.

Axel Lauterborn, Leiter Unternehmensentwicklung bei der RheinEnergie AG, erklärte, ein wesentlicher Erfolgsfaktor sei eine geringe Umsetzungszeit und schnelle Marktpräsenz („Time-to-market"). Daten müssten als Wirtschaftsgut angesehen werden. Sehr große Datenmengen müssten schnell nutzbar gemacht werden. Geschäftsfelder entwickelten sich aus dem Erkennen von Zusammenhängen und Mustern. Gleichzeitig steige der Informationsbedarf der Kunden, denen die Daten aktuell und in geeigneter Form zur Verfügung gestellt werden müssten. Basis für eine Digitalstrategie sei eine Digitale Vision, die beinhalte, dass kurzfristig und flexibel neue (digitale) Geschäftsmodelle entwickeln werden könnten, die Automatisierung zu effizienteren Prozesse führe und die Kunden alle wichtigen Prozesse digital nutzen könnten.

Sebastian Scholz, Co-Founder und Head of Product Development, IT and Organization, SANDY, beschrieb Anwendungsfälle für Big Data. Hier seien sowohl Netzbetreiber als auch Versorger Nachfrager. Der Ansatz sei hier bottom-up, etwa bei software as a service oder predictive analytics. Die erhobenen und genutzten Daten nutzten letztlich sowohl den Unternehmen als auch den Kunden.

Nikolaus Starzacher, Unternehmensgründer und CEO der Discovergy GmbH machte deutlich, dass der wettbewerbliche Messstellenbetreiber ein Treiber in der Diskussion sei. Der Smart-Meter-Rollout werde in Deutschland nur ein Erfolg, wenn der Kundennutzen höher als die Kosten sei. Innovation treffe in diesem Bereich auf ein Beharrungsvermögen. Auch die Rolle des Datenschutzes sei in Deutschland eher ein Hemmschuh.

Felix Dembski, Vice President Strategy der sonnen GmbH erläuterte, dass der Kunde zum einen nach mehr Autarkie strebe, zum anderen durch dezentrale Lösungen inzwischen aber auch einen monetären Vorteil gegenüber der konventionellen Versorgungslösung besitze. Die Nutzung von Blockchain (zusammen mit Tennet) sei bereits Realität, Stromspeicher würden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. 

Thomas Huttenlocher, Referent beim Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Baden-Württemberg, legte dar, dass aus seiner Sicht die Strompreise durch Steuern und Umlagen zu hoch seien. Es gelte mehr Flexibilität zu nutzen, um höhere Zuverlässigkeit der Stromversorgung zu erreichen und geringere Kosten zu ermöglichen. Auch in privaten Haushalten schlummerten hier entsprechende Potentiale, die gewonnen werden können. Bezüglich des MsbG merkte er an, dass dies aus Sicht des Endkunden eine teure Lösung sei. 

Im zweiten Panel wurde anschließend das Thema „Regulierung und Rechtsrahmen" diskutiert.

Hier machte Herr Dr. Patrick Wittenberg, Head of Strategic Grid Economics bei innogy SE, deutlich, dass Netzausbau weiterhin gebraucht werde, da das Netz nicht für die zukünftige Einspeisung ausgelegt sei. Smart Grids seien dabei durchaus ein Teil der Lösung, etwa die regulieren Ortznetztrafos (rONT). Durch die Digitalisierung könne die Beobachtbarkeit der Vorgänge im Netz erhöht werden, bis hin zur Echtzeitüberwachung. Hier könnten auch netzdienliche Flexibilitäten helfen. Regulatorisch müssten entsprechende Anreize gesetzt werden, etwa bei der Behandlung der OPEX. Es gelte den volkswirtschaftlich sinnvollsten Mittelweg zwischen der Kupferplatte und möglichen Investitionen in Smart Grids zu finden. 

Herr Jan Kiskemper, Fachgebietsleiter des Geschäftsbereichs Energienetze & Regulierung beim BDEW Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V., verwies darauf, dass es schon vor sechs Jahren ein Projekt zu Fragen der Regulierung von Smart Grids gegeben habe, die Studie „Innovative Regulierung für intelligente Netze (IRIN)". Man sei seit damals noch immer auf der Suche nach dem richtigen Ansatz. Noch immer setze die Regulierung in diesem Bereich falsche Anreize. Der FuE-Zuschlag in der Anreizregulierungsverordnung sei beispielsweise in der Praxis gescheitert. Durch die BMWi-Verteilnetzstudie sei ein wenig mehr Klarheit in die Thematik gekommen. Innerhalb der Regulierung sei aber noch nichts geschehen, dies dauere manchmal Jahre.

Arndt Börkey, Leiter Strom und Regulierung, Bundesverband Neue Energiewirtschaft (bne), erläuterte, dass der Netzbetrieb nur ein Teil des übergeordneten Themas Klimawandel und erneuerbare Energien sei. Es gäbe ein Marktkoordinationsproblem, dass durch Digitalisierung gelöst werden könne. Das MsbG werde sich auszahlen, da es die Sicherheit der Informationssysteme gewährleiste. Grundsätzlich sei die derzeitige Ausgestaltung der Netzentgelte aber ein großes Problem, da sie Flexibilität verhindere. So führe etwa das Leistungspreissystem zu falschen Anreizen.

Frau Doris Gemeinhardt-Brenk, Leiterin des Aufbaustabes Digitalisierung/Vernetzung und Internetplattformen bei der Bundesnetzagentur, betonte das Prozesse bereits seit den 1970er-Jahren digitalisiert seien. Neu sei die Vernetzung der verschiedenen Wirtschaftssektoren und Marktakteure. Daten würden dabei zu einem Schlüsselfaktor der digitalen Ökonomie. Leistungsfähige und sichere Telekommunikationsinfrastrukturen seien grundlegende Voraussetzung für Digitalisierungs- und Vernetzungsprozesse. Die Frage aus Sicht der Bundesnetzagentur sei, wie Regulierung den durch Digitalisierung hervorgerufenen Anpassungsbedarf in den Netzsektoren klug und effizient begleiten könne. Hier arbeite die Behörde bereits im Bereich der Unterstützung der Strategie „Intelligente Vernetzung", dem Monitoring für Internetplattformen sowie dem Thema Big Data und der Bewertung der Bedeutung verknüpfter Daten (insbesondere auch unter Berücksichtigung von Aspekten des Datenschutzes).

Iris Nichols
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Veranstaltungsort
Gustav Stresemann Institut e.V.
Langer Grabenweg 68
53175 Bonn
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